Bill & Melinda Gates Foundation

„Wer ‚Welt retten‘ bei Monster eingibt, findet: Nichts“

Lars Jeschonnek
05 August, 2014
Anna Roth-Bunting war extrem gut ausgebildet und wollte die Welt verbessern. Doch der passende Job war trotz ewiger Suche einfach nicht zu finden. Also machte sie es sich zur Aufgabe, Menschen zu helfen, denen es so ergeht wie ihr selbst – und gründete eine Personalvermittlung für Jobs mit sozialem Anspruch, die Talents4Good GmbH. Im Interview spricht Anna über Headhunting, Bewerber, die sich verkaufen, und Start-Up-Gründer, die am liebsten einen Klon von sich hätten.

Anna Roth Bunting von Talents4Good

Eine Personalvermittlung für Jobs mit sozialem Anspruch – wie seid ihr auf diese Idee gekommen?


Anna Roth-Bunting: „Wir haben selbst genau so einen Job gesucht – und gemerkt, dass das unheimlich schwierig ist. Ich habe in Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaft studiert, danach an der London School of Economics einen Master in ‚Development Studies‘ gemacht, auch Praktika in Indien und Kenia. Doch der tolle Job, mit dem ich helfen konnte, die Welt zu verbessern, der war einfach nicht zu finden. Es hat erst mal sehr lange geaduert, einen Job zu finden, auf den man sich überhaupt bewerben konnte. Ich habe dann den einen oder anderen Job eine Zeit lang gemacht, aber der für mich ideale war nicht dabei. Und bei der Suche hat sich immer wieder gezeigt: Der Markt ist äußerst intransparent, die allermeisten Stellen werden gar nicht erst ausgeschrieben. Sehr viele Stellenbesetzungen laufen über Kontakte oder Initiativbewerbungen, man braucht also ein gutes Netzwerk, um in diesem Bereich einen Job zu finden. Als ich dann merkte, dass ich bei meinem damaligen Job bei einer Unternehmensberatung fehl am Platz war, wurde mir klar, dass ich mir ein solches Netzwerk aufbauen muss. Also bin ich zu einem Alumniabendessen meiner Uni gegangen, wo ich zufälligerweise neben Marco saß.“

Ein Zufall mit Folgen?

Anna Roth-Bunting: „Ja. Marco ist Unternehmer aus München und hatte schon einige Unternehmen sehr erfolgreich aufgebaut. Und er ist im ‚Ashoka Support Network‘ und hatte sich dort schon mit den zwei großen Hürden für Sozialunternehmer beschäftigt: Das ist einerseits der Zugang zu Kapital und andererseits der Zugang zu Talenten, denn nur mit guten und engagierten Leuten kann eine Idee auch explodieren. Wir waren uns sofort einig, dass man dafür etwas entwickeln sollte und haben eigentlich gleich am nächsten Tag damit angefangen. In der zweiten Jahrehälfte 2011 haben wir das Konzept erarbeitet. Im Zentrum stand dabei die Frage: Wie bekommt man eigentlich die guten Leute in den sozialen Sektor? Zu dieser Zeit haben wir Carola kennengelernt, die jahrelang in der Personalvermittlung gearbeitet hatte, sich aber gerade genau die gleichen Fragen,wie wir stellte. Auch sie wollte eigentlich gerne etwas Gutes tun, fand aber keine entsprechenden Jobs, keine entsprechende Suchmaschine, nichts. Wer ‚Welt retten‘ bei Monster eingibt, findet: Nichts. Anfang 2012 haben wir beschlossen, das jetzt einfach zu probieren und mal zu sehen, ob es einen Markt dafür gibt. Auf Marcos Initiative haben wir begonnen, einige Pilot-User zu vermitteln. Und das lief von Anfang an extrem gut, alle vermittelt, und Geld konnten wir damit auch gleich verdienen. Also haben wir uns auf Investorensuche gemacht und konnten Ashoka für uns gewinnen, sowohl als Gesellschafter, als auch als Darlehensgeber. So konnten wir 2012 die GmbH gründen und sind seitdem am Markt. Und wir sehen jeden Tag, dass es einen großen Bedarf nach Vermittlung gibt, und zwar bei allen Beteiligten: Die Bewerberseite ist der Wahnsinn, wir werden regelrecht überannt. Aber auch das Personalmanagement der Unternehmen freut sich über unsere Unterstützung.“

Als ich von der Idee gehört habe, war mein erster Gedanke: „Wow, das ist großartig“. Doch der zweite Gedanke kam relativ schnell hinterher – nämlich: „Es klappt bestimmt super bei Nachwuchskräften, aber funktioniert das auf der mittleren und auf der Führungsebene? Denn viele Mitarbeiter von sozialen Initiativen scheinen mit ihrer Organisation verheiratet zu sein…“

Roth-Bunting: „Bei uns ist das genau andersherum: Wir haben relativ wenige Anfängerstellen. Das liegt zum einen sicherlich daran, dass es in diesem Bereich einfach nicht so viele Einsteigerstellen gibt. Zum anderen spielt es aber auch ein Rolle, dass Unternehmen meistens für die Besetzung dieser Einsteigerstellen kein Geld ausgeben möchten. Daher geht es bei uns meistens um die Vermittlung von Jobs in der Geschäftsführung, in der Abteilungsleitung oder Ähnliches, also um die oberen und mittleren Positionen. Aber auch da gibt es durchaus Bewegung: Nur wenige wollen 30 oder 40 Jahre bei der selben Organisation bleiben, gleichzeitig gibt es aber in der Branche kaum ausgeprägte Karrierwege, viele wollen sich weiterentwicklen, brauchen dafür aber einen Vermittler wie uns. Ein großer Teil unsere Bewerber kommt aber sowieso aus anderen Bereichen. Das sind Menschen, die zum Beispiel aus der klassischen Wirtschaft kommen, und das Bedürfnis haben, sich für etwas Gutes einzusetzen.“

Also nutzen euch viele Quereinsteiger, denen es in ihrer alten Branche nicht mehr gefällt?

Roth-Bunting: „Ja, die Quote ist hoch. Genaue Zahlen dazu habe ich nicht, aber das ist schon deutlich. Oft sind es Leute aus Unternehmensberatungen oder Banken. Besonders seit der Finanzkrise gibt es viele Menschen, die ihre Fähigkeiten und Talente künftig lieber in einer anderen Branche einsetzen wollen und den Drang verspüren, eine sozial sinnvolle Arbeit zu machen.“

Könnt ihr bei diesem Drang Altersunterschiede feststellen? Man spricht ja oft von der Generation Y…


Roth-Bunting: „Ja, für die ab 1980 Geborenen ist die Sinnfrage sehr wichtig – gerade auch im Arbeitsleben. Allerdings beobachten wir, dass diese Haltung nun auch bei den über 40-Jährigen ankommt. Das sind oft Leute, die bereits auf eine erfolgreiche Karriere zurückblicken können, vielleicht auch viel Geld verdient haben. Aber es gibt auch die Anderen, ganz normale Arbeitnehmer, die sich umorientieren möchten.“

Wisst ihr, wie es diesen „Wechslern“ nach einiger Zeit im neuen Job ergeht? Bekommt ihr da Rückmeldungen?

Roth-Bunting: „Wir versuchen in Kontakt zu bleiben, leider gelingt das nicht immer. Bisher haben wir aber nur positives Feedback, bisher sind alle sehr zufrieden in ihrem neuen Job, wir haben noch keine Kündigungen. Das ist sicherlich auch das Ergebnis unserer Beratung. Wir bereiten die Bewerber schon auch vor, manchen ist am Anfang nicht so klar, was im neuen Job auf sie zukommt. Denn sinnvolle Arbeit ist oft hart, man arbeitet lang, verdient nicht so gut wie in der freien Wirtschaft. Dessen sollte man sich bewusst sein.“

Vermittelt Ihr auch Stellen mit sozialem Anspruch bei ganz ‚normalen‘ Unternehmen aus der Wirtschaft?

Roth-Bunting: „Wir beschäftigen uns damit. Das kam bisher noch nicht vor, es gab einfach noch keine Anfragen. Grundsätzlich kann das aber für uns in Frage kommen, wenn es sich tatsächlich um einen sozialverträglichen Job handelt, denkbar sind da zum Beispiel Stellen im CSR-Bereich eines Unternehmens. Besonders schwierig wird es bei Unternehmen, die auf sehr vielen Geschäftsfeldern unterwegs sind, von denen manche mit unseren Grundsätzen kollidieren, wir andere aber durchaus gut finden. Dafür haben wir einen Kriterienkatalog eingeführt, an dem entlang wir die Stelle und das Unternehmen prüfen.“

Wie sieht es mit Headhunting aus? Spricht Talents4Good auch Arbeitskräfte an, die in einem festen Beschäftigungsverhältnis stehen?

Roth-Bunting: „Bisher haben wir das noch nicht gemacht. Wir streuben uns etwas, die Szene zu kannibalisieren, schließlich wissen wir, wie wichtig gute Leute gerade in kleinen Organisationen sind. Allerdings besteht hier durchaus Bedarf, und wir beschäftigen uns damit. Wichtig ist für uns dabei aber, dass wir einen Weg finden, Headhunting anzubieten, ohne kleine Organisationen zu beschädigen.“

Dazu zählen auch viele soziale Start-Ups, für die wir uns besonders interessieren. Geld ist dort oft knapp. Wie hoch würdest du vor diesem Hintergrund die Bedeutung des Personals für den Erfolg eines Start-Ups einschätzen?

Roth-Bunting: „Es ist essenstiell, dass du Leute hast, die für die Sache brennen – die aber darüber hinaus auch die passenden Fähigkeiten mitbringen. Was uns zudem auffällt: Bei den ‚Social Start-Ups‘ gibt es oftmals einen Gründer, der irgendwann dann aber eine zweite Führungsriege braucht. Da ist es entscheidend, dass man jemanden findet, der einen komplementiert – und nicht einfach nur der Klon von einem selbst ist. Leider tendieren viele Gründer zu Letzterem.“

Wie genau funktioniert euer Angebot? Nehmen wir mal an, ich habe mich für euren kostenlosen Newsletter registriert und finde einen Job, den ich haben möchte. Wie geht es dann weiter?

Roth-Bunting: „Also, du würdest dich dann direkt bei uns bewerben. Grundsätzlich funktioniert das so: Wir stehen in sehr engem Kontakt zu den Organisationen, in die wie vermitteln. Wir wissen ganz genau, was die brauchen, wen sie suchen. Wir achten beim Auswahlprozess sehr darauf, dass die Organisationkultur und die Bewerber gut zusammenpassen. Denn gerade in diesem Bereich kommt es darauf an, dass die Mitarbeiter für ihre Arbeit brennen und mit Herzblut dabei sind. Wir berücksichtigen also Hard- und Softskills. Das Angebot veröffentlichen wir über unsere Kommunikationskanäle: den Newsletter, aber auch Facebook und Multiplikatoren. Hinzu kommen die klassischen Stellenbörsen sowie persönliche Netzwerke. Wer sich auf einen solchen Job bewerben möchte, schickt erstmal seine Bewerbungsunterlagen an uns, also Lebenslauf, Motivationsschreiben und Zeugnisse. Hier führen wir oft noch persönliche Beratungsgespräche mit den Bewerbern. Da geht es um Gehaltsvorstellungen, Home-Office, alles mögliche. Um den passenden Kandidaten zu finden, führen wir mit sehr vielen Bewerbern persönliche und ausführliche Interviews. Wir achten sehr darauf, dass diese Gespräche auf Augenhöhe stattfinden, denn wir möchten nicht, dass die Bewerber sich als Bittsteller fühlen, oder damit beginnen, sich zu verkaufen. Denn genau das möchten wir ja nicht: Unser Ziel ist schließlich, dass Job und Bewerber wirklich zusammenpassen, damit ein nachhaltiges und gutes Arbeitsverhältnis entsteht.“

Wieviele Bewerber schlagt ihr in der Regel vor?

Roth-Bunting: „Wir empfehlen den Unternehmen auf einer Shortlist meistens vier bis sieben Bewerber. Die Personalabteilungen wählen daraus dann meistens drei für ein Bewerbungsgespräch aus. Bei diesem sind wir übrigens fast immer dabei. Zum einen möchten wir unseren Bewerbern den Rücken stärken, zum anderen hilft uns das sehr, den Kunden und sein Suchprofil noch besser zu verstehen. Und nicht zuletzt können wir dadurch dem Bewerber nach dem Gespräch ein Feedback geben.“

Ihr findet also für die Unternehmen die passenden Bewerber. Funktioniert das auch andersherum, kann ich Euch beauftragen, mir einen Job zu suchen? Und was kostet mich das?

Roth-Bunting: „Grundsätzlich kostet unsere Dienstleitung die Bewerber nichts, sämtliche Gebühren werden von den Unternehmen getragen. Dafür haben wir ein Provisionsmodell entwickelt, bei dem die Unternehmen erst dann bezahlen, wenn sie zufrieden sind und der passende Bewerber seinen Arbeitsvertrag unterschrieben hat. Kleinen Organisationen machen wir da oft auch einen besseren Preis als den finanzstarken. Doch zu deiner Jobsuche: Leider können wir dir nicht initiativ einen Job suchen, denn dafür gibt es zuviele Bewerber auf zu wenige Jobs. Allerdings bieten wir dafür einen Bewerberpool an, da kann sich jeder, der möchte, eintragen lassen. So können wir uns bei dir melden, sobald eine Stelle frei wird, die zu dir passt.“

Unser Blog heißt „Impatient Optimists“ Würdest du dich selbst auch so bezeichnen?

Roth-Bunting: „Als ich den Ausdruck zum ersten Mal gehört habe, musste ich sehr lachen! Er beschreibt genau das, wie ich mich fühle: Ich glaube daran, dass jeder dazu beitragen kann, die Welt eine bessere zu machen und gleichzeitig geht mir das immer alles nicht schnell genug. Aber durch die Vermittlung von tollen Menschen an tolle Organisationen machen wir schon mal einen ersten Schritt in die richtige Richtung.“

Anna Roth-Bunting (32 Jahre) absolvierte einen Bachelor in Philosophie, Politik und Wirtschaft sowie einen Master in Development Studies bevor sie ihr erster Job nach Madagaskar zu einer Mikrofinanzbank brachte. Nach Stationen bei Unternehmensberatungen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit und dem öffentlichen Sektor sowie dem Social Enterprise auticon gründete sie mit Carola von Peinen, Marco Janezic und Ashoka die Talents4Good GmbH. Seit Januar 2013 führt sie die Geschäfte von Talents4Good.
 
  • Stichworte
  • Teilen
blog comments powered by Disqus