Bill & Melinda Gates Foundation

Eine digitale AIDS-Schleife

Steffen Wüller
24 November, 2014

Die Rote Schleife ist weltweit zum Symbol für den Kampf gegen AIDS geworden. Auch in diesem Jahr wird sie rund um den 1. Dezember wieder vielerorts zu sehen sein. Carolin Silbernagl versucht mit dotHIV den Erfolg der AIDS-Schleife aufs Internet zu übertragen. Mit einer simplen Domainendung: Punkt hiv. Das Potenzial ist so riesig wie das Internet selbst.


Carolin Silbernagl auf der TEDx-Konferenz in Berlin

Carolin, in einer Woche ist Welt-AIDS-Tag. Immer noch sterben jedes Jahr rund zwei Millionen Menschen an AIDS. Ihr habt vor ein paar Monaten ein völlig neues Fundraisingkonzept gestartet und setzt dabei auf die Dynamik des Internets. Wie funktioniert dotHIV?

Carolin Silbernagl: „.hiv ist die erste Domainendung, die einen sozialen Zweck verfolgt: das Ende von AIDS. Das Prinzip ist schnell erklärt: Jeder Besuch einer Internetseite mit der Endung .hiv löst eine Mikrospende aus. Das Geld hilft ausgewählten Projekten bei ihrem Kampf gegen AIDS und speist sich aus den Registrierungseinnahmen. Firmen und Organisationen können die Domainendung .hiv bei uns erwerben. Von dem Erlös profitieren AIDS-Projekte in der ganzen Welt. Ein bisschen wie ein digitaler Spendenlauf. Je mehr geklickt wird, desto schneller werden unsere Partnerprojekte unterstützt. Den Anfang macht das Projekt We ACTx For Hope in Ruanda.“

Wie viele Unternehmen und Organisationen konntet Ihr bislang von Eurer Idee überzeugen?

Silbernagl: „Momentan haben wir rund 300 Partner für unsere Idee gewinnen können, darunter große Marken wie Sixt, RWE, Otto und plus.de. Und es werden täglich mehr. Neben den Unternehmenskunden gilt ein Fokus den vielen Organisationen und Projekten, die sich dem Kampf gegen AIDS verschrieben haben. Sie wollen wir über die gemeinsame Domainendung vernetzen und ihnen geben wir ihre Domains kostenlos. Namhafte HIV-Organisationen wie die Deutsche AIDS-Hilfe, amfar und die MTV Staying Alive Foundation sind schon an Bord. Grundsätzlich gilt: Das Potenzial des Internets ist riesig. Wenn nur ein Big Player wie Amazon mit .hiv online geht, kann das eine enorme Hebelwirkung entfalten. Und darauf bauen wir natürlich.“

Wie bekomme ich eine .hiv Domain bei Euch?

Silbernagl: „Auf register.hiv kann sich jeder seine eigene Domain sichern. Danach muss man noch einstellen, dass die Klicks auch gezählt werden. Das dauert nur 15 Minuten und die genauen Schritte erklären wir in der Willkommensemail nach dem Domainkauf. Die Domain gibt es für 13 Euro im Monat. Für NGOs, die im Bereich HIV unterwegs sind, ist sie sogar kostenlos. Einmal freigeschaltet, wird die neue Domain wird über unsere Social Media-Kanäle beworben. Jeder Webseitenbetreiber kann eine .hiv Adresse parallel zur Standardadresse auf .de oder .com als zweiten Eingang zur Homepage schalten. Die Besucher der Webseite können so die Seite über eine alternative Tür betreten, die sozial wirksam ist. Die Unternehmen generieren so neuen Traffic auf ihren Seiten und ein besseres Gefühl bei ihren Besuchern, denn Gutes tun hebt die Stimmung.“

Der Umgang mit HIV/AIDS löst bei vielen Menschen immer noch Unsicherheiten aus. Das Thema ist mit vielen Ängsten behaftet. Wie schwer ist es da, Unternehmen für die Idee zu überzeugen, ihren Namen mit der hiv-Endung zu präsentieren?

Silbernagl: „ Diese Vorbehalte gibt es. Und wir sind uns natürlich der Brisanz des Themas bewusst. Aber gleichzeitig erlebe ich, dass viele Unternehmen sehr interessiert sind, mit der .hiv-Domain ein sichtbares Zeichen zu setzen. Gerade innovationsorientierte und eigentümergeführte Unternehmen sind hier besonders mutig.
Genau hier liegt ein wichtiges Ziel unserer Arbeit. Die Idee hinter dotHIV war immer auch, die Kommunikation um das Thema AIDS völlig neu zu denken. Die Kampagnenarbeit zum Thema nimmt oft immer krassere Formen an, um die Menschen noch zu erreichen. Im Wettbewerb um die knappe Aufmerksamkeit setzen viele auf Schock-Kommunikation. Die schafft aber eine ungünstige Atmosphäre, die das existierende Stigma zusätzlich untermauert. HIV muss aus dem Schatten in die breite Öffentlichkeit kommen. Wir haben mit dotHIV ein völlig neuartiges Kommunikationsprodukt. Eine Domainendung mit dem Zweck, Aufmerksamkeit für den Kampf gegen AIDS zu erzeugen. Unser Ziel ist es, auf HIV und AIDS aufmerksam zu machen und auch gegen das Stigma der Krankheit zu wirken. Zugegeben, es ist nicht immer leicht, die Menschen von der Sache zu überzeugen. Aber genau deshalb machen wir es: gerade weil es nicht einfach ist.“

Bei jedem Besuch einer Website mit der Endung .hiv wird eine Mikrospende von 0,1 Cent freigesetzt. Wie habt ihr Euch auf die Höhe geeinigt?

Silbernagl: „Das ist der Betrag, der uns langfristig realistisch erscheint. Wenn alles so läuft, wie wir uns das erwarten, dann können wir damit innerhalb kürzester Zeit ganze Projekte finanzieren. Wir hätten den Spendenbetrag auch für die Anfangsphase hochsetzen können. Dann hätten wir ihn aber genauso wieder zurückfahren müssen bei zunehmenden Nutzerzahlen. Transparenz ist uns extrem wichtig. Wir spielen von Anfang an mit offenen Karten. Ein Domain-Namensraum ist ein dynamisches Umfeld. Die Nutzerzahlen können langsam wachsen, aber es ist genauso wahrscheinlich, dass sich die Spendenerlöse von heute auf morgen durch die Decke gehen, weil ein Unternehmen wie Amazon oder Google mit der .hiv Endung an den Start geht. Auf beides sind wir vorbereitet.“

Unser Blog heißt Impatient Optimists. Bist du eine ungeduldige Optimistin?

Silbernagl: „Man braucht als Sozialunternehmer ein gewisses Maß an Optimismus. Wenn ich nicht optimistisch wäre, hätte ich die letzten Jahre wohl nicht überstanden. Es ist sicher nicht der leichteste Weg, den wir gegangen sind. Aber genau deshalb gehen wir ihn weiter. Wir wollen die Rote Schleife ins Internet holen.“

Carolin Silbernagl (33) ist Mitbegründerin und zusammen mit Ina Rosenstiel Geschäftsführerin von dotHIV. Nach ihrem Politikstudium arbeitete sie für diverse Stiftungen und setzte sich eng mit sozialem Unternehmertum auseinander. Die Idee zu dotHIV stammte ursprünglich von Freunden und der Kommunikationsagentur thjnk. Seit 2011 leitet Carolin Silbernagl die Initiative, seit 2013 kümmert sie sich als Geschäftsführerin der betriebswirtschaftlichen GmbH um den Aufbau des internationalen Domain-Netzwerks.

 
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