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„Unsere ‚Megaphone‘ haben sich als Teil der Kampagne gefühlt“

Anna Morgane Michalski
05 Januar, 2015
14 Tage, 552 Spender, über 7.000 Euro Spendensumme – das ist die Erfolgsbilanz der ersten Online-Fundraisingkampagne von L'appel Deutschland. Mit Appellen aus Ruanda, ihren „Megaphonen“ und WhatsApp ausgerüstet, hat die studentische Entwicklungshilfe- organisation nicht nur genug Geld für den Bau einer Krankenstation in Ruanda gesammelt, sondern auch den Online-Helden-Wettbewerb von betterplace.org gewonnen. Die NGO realisiert seit zwei Jahren Projekte in den Bereichen Bildung, Infrastruktur und Gesundheit.  Im Interview erklärt Jakob Skatulla von L’appel, was die Organisation ausmacht und wie man soziale Medien als NGO wirkungsvoll einsetzen kann.



Ihr habt Eure Organisation L’appel getauft – woran appelliert Ihr?

Jakob Skatulla:
„Wir appellieren selber gar nicht, sondern sind das Sprachrohr für andere. Das ist der Gedanke hinter L’appel und hinter dem Megaphon als Logo. Wir hören zu.  Das machen wir, indem wir auch privat intensive Zeit in Ruanda verbringen, viele Gespräche mit den Menschen vor Ort führen und uns gemeinsam Gedanken über Probleme machen. Daraus entstehen Appelle, die wir nach Deutschland mitbringen und kommunizieren. L’appel versucht zu vermitteln, dass die Menschen  in den Projektländern Bedürfnisse und Ideen haben und das auch selber kommunizieren können. Wir wollen uns aus der aktiven Rolle zurücknehmen und den Aufruf an die Leute  bringen.“

Du bist ausgezeichneter Online-Held. Mit Eurer Kampagne #meinappell – „Antworte dem Appell“ habt Ihr im November den Online-Helden-Award von betterplace gewonnen – was ist die Idee hinter #meinappell?

Skatulla:
„Wir hatten die Idee schon vor einem halben Jahr: Bilder von Menschen in unseren Projektländern mit dem Megaphon zu schießen, um ihnen ein Gesicht zu geben. Und dann das Megaphon symbolisch auch zu nutzen, damit sie ihren Satz an die Welt kundtun können. Das klingt erst mal pathetisch: Wenn die ganze Welt dir zuhören könnte, was wäre das Wichtigste, was du der Welt sagen wollen würdest? Diese Idee haben wir nach dem  betterplace-Campus, der vor der Kampagne stattfand, aufgegriffen und uns auf das besonnen, was wir schon hatten: Unseren Namen, unser Logo, den Appell und das Megaphon. Wir wollen die Bedürfnisse der Leute transportieren, dann geben wir ihnen doch einfach eine Stimme und bringen ihre Appelle mit nach Deutschland. Das ist der Appell, er kommt von dieser Person und deswegen wird genau diese Hilfe gebraucht – und so haben wir die ganze Kampagne aufgebaut.“

Ihr habt gleich in allen drei Kategorien des Wettbewerbs – Fundraising, Social Media und Digital Storytelling – gewonnen. Wie habt Ihr die Jury überzeugt?


Skatulla:
„Beim Fundraising waren es Zahlen, die überzeugt haben – wir hatten die meisten Spender. Im Bereich Social Media haben  wir mit unserem Konzept und der konkreten Kampagnenplanung gewonnen. Viele Organisationen aus der Konkurrenz sind älter als wir, sowohl die Organisationen selbst wie auch die Verantwortlichen, und für sie ist der Zugang zu einem professionellem Umgang mit sozialen Medien erheblich schwieriger als für uns. Für uns war der Schritt vom informierten Laien bis zu einem Semi-Professionellen nicht weit. Sachlich und fachlich wurden wir von Tobias aus unserem Team unterstützt, der Marketing studiert und z.B. wissenschaftlich eine Zielgruppenanalyse erstellt hat.

Die Kategorie Digital-Storytelling haben wir gewonnen, weil wir die coolste Story hatten und gute Wege gefunden haben sie zu erzählen. Wir haben die Appelle gesammelt, aber auch mit Inhalt gefüllt und dazu Geschichten erzählt. Da stand nicht nur ‚Wir wollen eine Krankenstation bauen – jetzt spenden‘, sondern auch: Wer hat das gesagt? Warum hat er das gesagt? Die Personen wurden den Spendern nahegebracht, ein Gefühl der Verbundenheit vermittelt. Zusätzlich haben wir die Appelle mit anderen verglichen: Mit Appellen aus Deutschland und historischen Appellen wie ‚Tear down this wall!‘. Gerade historische Appelle transportieren eine sehr kraftvolle, mitreißende Botschaft: Appelle haben die Welt schon mehrfach verändert und wenn man ihnen Gehör schenkt, können sie viel bewegen. Du, Spender, hast jetzt die Gelegenheit einen kleinen Appell zu hören, ihn aufzunehmen und mit deiner Energie einen kleinen Teil der Welt zu ändern. Das Beste an dieser Geschichte: Sie stimmt.“



Ihr habt 500 Spender mobilisiert. Warum hat Eure Kampagne aus Deiner Sicht so gut funktioniert?

Skatulla:
„Vor allem, weil wir einen guten Weg gefunden haben, sie anzusprechen. Wir haben uns gefragt, wer eigentlich bisher unsere Spender sind und kamen schnell zu dem Punkt,  dass es vor der Kampagne keinen Spender gab, den wir nicht auch persönlich kannten. Das haben wir ausgebaut und auf Multiplikatoren gesetzt, die für uns unsere Sache weitertragen und weitererzählen. Für diese haben wir die Wortkreation ‚Megaphone‘ erschaffen, weil sie das Megaphon für L’appel sind. Wir vier aus dem Kampagnenteam haben jeweils fünf Teammitglieder aus dem Verein aktiviert und die hatten jeweils fünf ‚Megaphone‘ und so sind die Botschaften kaskadenartig weitergetragen worden. Und das immer persönlich, das heißt, sie haben nicht einfach Mails an die Multiplikatoren geschrieben, sondern sie angerufen oder mit ihnen über WhatsApp komuniziert. Es gab beispielsweise Chatgruppen der einzelnen Team-Mitglieder mit ihren ‚Megaphonen‘ – kleine ‚Megaphon-Teams‘ also. Das hat eine persönliche Bindung geschaffen, Teamgeist geweckt und viele der ‚Megaphone‘ haben sich als Teil der Kampagne gefühlt. Ich habe aus meinem Freundeskreis zum Beispiel fünf Leute rausgesucht, die sich für L’appel interessieren, selber eine hohe soziale Reichweite haben und in den sozialen Medien aktiv sind. Das hat jeder im Verein gemacht und am Ende hatten wir rund 50 Multiplikatoren.

Welche Social-Media-Kanäle haben besonders gut funktioniert?


Skatulla:
„Wir haben uns auf Facebook als Hauptkanal beschränkt, ein wenig getwittert und Instagram mit den Appell-Bildern bespielt. Und wir haben zum ersten Mal WhatsApp benutzt. Das war ein Experiment, da die Zukunft der sozialen Medien privat ist und die Leute immer mehr aus den öffentlichen Netzwerken abwandern. Das ist natürlich eine Herausforderung für das Fundraising, weil es keine guten Konzepte gibt, wie eine Organisation in privaten Netzwerken fundraisen kann. Da wir über unsere ‚Megaphone‘ ohnehin einen persönlichen Kreis hatten, haben wir das mit WhatsApp verbunden. Wir haben beispielsweise Newsletter, die man sonst per E-Mail verschickt hätte, in ein unterhaltendes WhatsApp-Format umgearbeitet – mit Bild-, Musik- und Textelementen eine Geschichte erzählt und das über den ganzen Tag verteilt. Zum Frühstück ein Lied, in der Mittagspause mehr Infos, usw. Das haben wir an unsere ‚Megaphone‘ geschickt, die es wiederum an eine Auswahl ihrer Kontakte gesendet haben. Der Clou dabei ist, die richtige Pforte in die Privatsphäre einer Person zu finden, die L’appel noch nicht kennt. Denn im Grunde ist das ja Werbung auf dem privaten Kanal gewesen. Hier haben die ‚Megaphone‘  den Schlüssel ausgemacht, da sie die Kontakte sorgfältig ausgewählt haben und so nur geeignete Kandidaten kontaktiert wurden. Damit ist diese Art der Spendersuche am weitesten von den gängigen Massenspendenaufrufen wie z.B. Phishing-Mails, Massenbriefaktionen oder ähnlichem entfernt – was positiv ist.“



Was würdest Du anderen NGOs mit knappem Kommunikationsbudget raten?


Skatulla:
„Das Wichtigste ist mutig zu sein und es einfach zu probieren. Selbst wenn man Fehler macht, fällt das meist niemandem auf. Und Fehler, die man macht, kann mach auch wieder ausbügeln – gerade in den sozialen Medien, die sind sehr verzeihend. Alles, was man zu sozialen Medien wissen muss, kann jeder online lernen und nachlesen. Google gibt viele gute Auskünfte zu Fragestellungen, es gibt tolle Blogs zu dem Thema und auch einige YouTube-Kanäle, die zu Online-Fundraising schulen.

Daneben ist Kampagnenplanung wichtig: Wen möchte ich eigentlich erreichen? Was interessiert die? Was möchten die sich gern angucken? Häufig reicht es, einfach zu hinterfragen, ob man es selber anschauen und interessant finden würde. Und dabei muss man streng sein, weil man häufig eine rosarote Brille auf hat und alles toll findet, was man macht. Wenn ich morgens, nach einer schlechten Nacht, etwas bei Facebook lese, gucke ich mir das an oder nervt mich das? Und wenn man dann lange genug ehrlich zu sich selbst war und weiß, mit wem man kommunizieren möchte, dann sollte man sich zwei bis drei Tools zurechtlegen und damit einfach anfangen. Man kann viel einfach selber machen, wir haben nicht einen Euro für die Kampagne ausgegeben. Eine Statistik bei Facebook zum Beispiel kann man ganz einfach auswerten und sieht, ob sich die Leute eher Texte durchlesen oder Bilder angucken. Und wenn es deine Community gut findet, dann ist es das Richtige.“

Ihr konzentriert Euch bei Euren Projekten auf Ruanda? Wie kam es dazu? 


Skatulla:
„Unser Gründer Jules hat in Bochum einen presbyterianischen Pastor aus Ruanda kennengelernt, der in Deutschland studiert hat. Nach seinem Abi ist Jules nach Ruanda gereist und mehrere Monate dort geblieben – begleitet von Pascal, dem Pastor, der inzwischen wieder in Ruanda lebt. Danach sind immer mehr Leute mitgekommen und so haben sich Freundschaften entwickelt und daraus das Bedürfnis, dass man gemeinsam etwas umsetzen könnte. Der Grund ist also ganz einfach und persönlich, das macht es aber auch schön. Ruanda ist ein sehr besonderes Land, unabhängig von der Vorgeschichte mit dem Genozid. In dem Land steckt ein unglaublicher Tatendrang, sie kooperieren sehr offen mit Organisationen aus dem Ausland und haben ein funktionierendes Staatssystem – das macht es für eine junge Organisation wie unsere auch leichter.“

Ihr beschreibt Euer Konzept als „Entwicklungshilfe 2.0”. Was würdest Du sagen, macht L’appell aus und was macht Ihr anders als etablierte NGOs?


Skatulla:
„Das eine ist der persönliche Kontakt und die Zeit, die wir uns nehmen, um die Menschen in den jeweiligen Regionen kennenzulernen und zuzuhören. Die wichtigste Frage, die wir uns stellen ist: Können die das Problem nicht alleine lösen? Und wenn nicht, was hindert sie daran? Wir möchten so viel Energie wie möglich in die Frage stecken, wie sinnvoll und nachhaltig Projektideen sind.

Das andere ist, dass wir keine Vertreter unserer eigenen Organisation im Ausland haben – und haben wollen. Wir arbeiten eng mit Partnern vor Ort zusammen und die haben die operative Projektverantwortung. Unsere Projekte sind in Händen derjenigen, die davon betroffen sind und denen das Projekt zugutekommen wird. Während einer Bauphase kümmern sie sich darum, dass der Bau voranschreitet, machen die Buchhaltung, legen Rechenschaft an uns ab und übernehmen dann den Betrieb. Wir unterstützen beim Aufbau und ziehen uns so schnell wie möglich wieder zurück.“

Wie finanziert Ihr Eure Projekte?


Skatulla:
„Weil wir erst zwei Jahre alt sind, können wir noch keine staatlichen Fördergelder beantragen, deshalb finanzieren wir uns zur Zeit durch Spenden von Privatpersonen und einigen mittelständischen Unternehmen aus dem Wittener Umkreis. Unser erstes großes Fundraising-Event war die betterplace-Kampagne, bei der wir in kurzer Zeit einen fünfstelligen Betrag gesammelt haben.“

NGOs geraten häufig wegen hoher Verwaltungskosten in die Kritik. Ihr garantiert, dass 95 Prozent der Spenden in die Projekte gehen. Wie macht Ihr das?


Skatulla:
„Zur Zeit können wir das garantieren, weil wir klein genug sind. Wir erheben Mitgliedsbeiträge, die jeder von uns zahlt und die gesondert auf ein Konto gehen. Das ist kein Spendengeldkonto und davon zahlen wir Verwaltungskosten wie Flyer und ähnliches. Alle anderen Kosten, wie zum Beispiel den Aufenthalt vor Ort, tragen wir selber. Das ist auf Dauer natürlich nur schwer zu tragen. Dennoch waren wir zu Beginn unglaublich stolz darauf, dass 100 Prozent der Spenden in die Projekte fließen. Das Problem ist, dass man so der Organisation die Möglichkeit abschnürt, zu wachsen. Es ist wichtig, nicht nur auf diese eine prozentuale Zahl zu gucken. Investitionen nach innen, also in die Vereinsstruktur, können nämlich ganz andere, wichtigere Zahlen erheblich verbessern, wie zum Beispiel die Projekterfolgsrate oder den „Impact“ des Projekts.“

Wollt Ihr wachsen?


Skatulla:
„Wir wollen unseren Verein professionalisieren und daraus eine Hilfsorganisation machen, die nicht mehr nur das Prädikat ‚ studentisch‘ trägt. Etwas zu haben, das gut funktioniert und gut verwaltet ist, zum Beispiel mit einem Projektmanager vor Ort, der es nicht nebenbei macht, sondern hauptamtlich. Auch zusätzliche Projekte und Projektländer sind angedacht. Deshalb haben wir uns entschieden, uns von null Prozent Verwaltungskosten in Richtung zehn Prozent zu bewegen, damit wir Spielraum haben, um in die Vereinsstruktur investieren zu können.“

Welchem inneren Appell bist Du gefolgt, wie kamst Du dazu, Dich zu engagieren?


Skatulla:
„Ich bin polnischer Auswanderer und habe nie eine starke Verbundenheit zu meinem Heimatort aufgebaut, sondern mich immer als Weltbürger gefühlt. Ich gehöre auf diese Welt und trage auch dazu bei, was auf der ganzen Welt passiert. Ich habe mir immer die Frage gestellt: Was bewirkt das, was ich jetzt mache, woanders? Und aus diesem Bewusstsein heraus, ist das Bedürfnis entstanden, etwas zu tun. Das ist für mich einfach meine gut-welt-bürgerliche Verantwortung, die ich tragen möchte. Ich wohne in einem Luxusland, lebe ein absolutes Luxusleben und habe alle Ressourcen, um Zeit und Energie für andere zu erübrigen. Und es macht nebenbei natürlich auch Spaß nach Afrika zu fahren und dort Energie für das Jahr in Deutschland zu tanken. Was man da an Ruhe, Entschleunigung und Gelassenheit mitbringt, ist jede Arbeit hier wert. Die eigene Perspektive auf die Welt wird dort gerade gerückt. Das war und ist meine große Motivation, etwas zu tun, ich will die großen Probleme mitlösen.“

Was ist Dein persönlicher Appell?


Skatulla:
„Letzte Woche haben wir mit einer ganz L’appel-untypischen Akuthilfe in Sierra Leone begonnen. Die Ebola-Epidemie ist ein Thema, das uns beschäftigt – auch mit dem Hintergrund, dass der halbe Verein aus Medizinstudenten besteht. Drei unserer Vereinsmitglieder waren diesen Sommer in Sierra Leone und haben dort eine Isolierstation mitaufgebaut. Deren Geschichte und den Appell aus Sierra Leone haben sie mit nach Deutschland gebracht. Ich möchte alle Menschen, die sich mit Entwicklungshilfe und internationaler Zusammenarbeit beschäftigen, aufrufen zu sehen, dass Akuthilfe wichtig ist und dass ohne die Lösung von akuten Situationen langfristige Entwicklung gar nicht gefördert werden kann. Das ist der Grund, warum wir Gelder für Organisationen in Sierra Leone sammeln. Und jeder, der das auch so sieht, soll auf unsere Homepage gehen und nachlesen, warum und was wir da tun.“

Unser Blog heißt „Impatient Optimists“. Würdest Du Dich auch als einen „Impatient Optimist“ bezeichnen? Und wenn ja, warum?


Skatulla:
„Wenn man alle Leute, die mich kennen, frage würde, würden sie sagen, ich bin ein Pessimist. Und das stimmt auch. Auf einer globalen Skala bin ich das aber nicht. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg und wenn immer mehr Menschen wacher und weltoffener werden, wird viel Gutes passieren. Im kleinen Maßstab bin in der Pessimist und das ist auch ganz wertvoll für unseren Verein, weil ich derjenige bin, der alles fünfzigmal verbessert, richtig und korrekt haben will. Ich bin also auf jeden Fall ‚impatient‘, ob man mich als Optimist bezeichnen kann, weiß ich nicht. Das hängt davon ab, aus welcher Perspektive man guckt.“


Jakob Skatulla (27) ist im Vorstand von L'appel Deutschland e.V.  für die Bereiche Kommunikation und Projektmanagement verantwortlich. Er studiert Humanmedizin an der Universität Witten-Herdecke.

 
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