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„Afrika braucht Zeit“

Steffen Wüller
02 März, 2015
Vor 30 Jahren litten die Menschen in Äthiopien unter einer Hungerkatastrophe. Bilder von ausgehungerten Kindern gingen damals um die Welt. Noch heute gelten fast die Hälfte der Äthiopier als unterernährt. Dennoch gibt es auch in dem ostafrikanischen Land viele Orte, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen. Die Sängerin Ivy Quainoo war als Botschafterin von Geminsam für Afrika im vergangenen Jahr vor Ort, um sich einen Eindruck von den zahlreichen Partnerprojekten zu verschaffen.


Musikerin und Afrika-Botschafterin: Ivy Quainoo [Fotos (v.l.): Helen Sobiralski, Jan Rasmus Voss, Gemeinsam für Afrika/Bünning; Headerbild oben: Gemeinsam für Afrika/Bünning]  

Äthiopien hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Viele erinnern sich an die Hungerkatastrophe, bei der Schätzungen zufolge mindestens eine halbe Million Menschen verhungerte. Du hast dir als Botschafterin für die Initiative Gemeinsam in Afrika Projekte in Äthiopien angeschaut. Mit welchen Eindrücken bist du zurückgekommen?


Quainoo: „Die Reise war sehr spannend. Wir haben uns in den zehn Tagen viele verschiedene Projekte anschauen können, die Mut für die Zukunft geben. Viele Veränderungen sind im Gang und die Erlebnisse haben mich absolut darin bestärkt, mein Engagement in diesem Bereich weiterzuführen. Das Land hat sich auf jeden Fall weiterentwickelt. Aber je weiter man die Großstädte verlässt, desto bewusster wird einem, wie lang der Weg für Äthiopien und viele afrikanische Länder noch ist.“

Welche Projekte sind dir von deiner Reise in besonderer Erinnerung geblieben?

Quainoo: „Es war eine spannende Tour mit vielen tollen Erlebnissen. Ein Wohnheimprojekt für Mädchen im Schulalter hat mich sehr beeindruckt. Dort leben Mädchen im Alter von sieben bis achtzehn Jahren, die von der Straße aufgelesen wurden. Tausende Kinder leben in Äthiopien immer noch auf den Straßen. Die Sicherheit und Geborgenheit einer intakten Famielie kennen die meisten von ihnen gar nicht. In dem Wohnheim, das wir besucht haben, leben ungefähr 30 Mädchen. Sie lernen gemeinsam, bekommen dort eine Ausbildung. Vor allem aber: Hier finden sie Schutz und Fürsorge und haben jemanden, mit dem sie über ihre traumatischen Erlebnisse reden können.“

Entwicklungshilfe ist nicht unumstritten. Kritiker bemängeln, dass jede Art der Einmischung von außen die Abhängigkeit Afrikas aufrechterhalten würde. Die Rede ist von einem versteckten Postkolonialismus. Wie stehst du als Botschafterin zu dem Thema?

Quainoo: „Die Reise hat mir verdeutlicht, dass es absolut nichts bringt, Brunnen hinzustellen und dann die Menschen wieder sich selbst zu überlassen. Das Knowhow muss vor Ort bleiben. Der Westen sollte schon helfen, aber die Gefahr der Abhängigkeit ist groß, dessen sollte man sich bewusst sein. Diese Art der Entwicklungshilfe, die früher oft praktiziert wurde, schadet den Menschen in Afrika mehr, als dass sie ihnen weiterhilft. Vielmehr muss eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe entstehen. Ich habe aber Projekte gesehen, die genau das vermeiden wollen, denn ernst gemeinte Hilfe kann nur langfristig wirken. Gemeinsam für Afrika hat da ein gutes System. Sie leiten die Hilfsgelder eins zu eins weiter und bleiben auch am Ball.“

Du warst gemeinsam mit Gentleman vor Ort. Da lag es natürlich nahe, sich auch mit den Kindern und Jugendlichen dort musikalisch auszutauschen. Wie wichtig ist die Musik für die Menschen in Äthiopien?

Quainoo: „Musik verbindet die Menschen. Besonders für das soziale Leben in Afrika spielt Musik und Rhythmus eine herausradende Rolle. Die Kinder und Jugendliche, mit denen wir Musik gemacht haben, haben uns wie selbstverständlich auch ihre Tänze gezeigt.“

Unser Blog heißt „Impatient Optimists“. Würdest du dich auch als einen „Impatient Optimist“ bezeichnen?

Quainoo: „Nein. Ich denke natürlich, dass man optimistisch bleiben sollte. Aber man muss geduldig sein mit Afrika. Afrika ist riesig. Der Kontinent braucht Zeit. Und dann ist da natürlich die Frage: Will man auf diesem Kontinent einen neuen ‚Westen‘ schaffen oder will man behutsame Verbesserungen? Meiner Meinung nach ist Ungeduld in Afrika fehl am Platz. Die afrikanische Kultur darf nicht unter dem Deckmantel des ökonomischen Fortschritts aufgegeben werden.“

 Ivy Quainoos Äthiopien-Reise im Video
 Musikvideo von Ivy Quainoo und Gentleman
Ivy Quainoo ist seit Frühjahr 2013 Botschafterin von Gemeinsam für Afrika. Im Februar 2012 gewann sie die erste Staffel der Castingshow The Voice of Germany und 2013 den Echo als Beste deutsche Popkünstlerin.
 
  • Stichworte Africa, Hunger, Armut
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